Peter Handke – Ein Langzeitporträt 1975-2024 mit 150 Photographien

Autor:Isolde Ohlbaum
Erscheinungsjahr:2025
Genre:Bildband
Verlag:Schirmer/Mosel Verlag


Rezensiert von Klaus Isele
Es zählt wohl zu den absoluten Glücksfällen in der Geschichte der Photographie, wenn ein Photograph – in diesem Fall eine Photographin – ein und denselben Künstler über einen Zeitraum von 50 Jahren immer wieder porträtiert: dabei entstand im vorliegenden Fall eine beeindruckende Langzeitstudie in 150 Photographien. Isolde Ohlbaum erwies sich als eine sensibel photographierende Begleiterin, die dem Schriftsteller Peter Handke seit 1975 in regelmäßigen Abständen begegnete und wichtige Lebensstationen dokumentierte. Sie traf ihn beispielsweise bei den legendären Verleihungen des Petrarca-Preises oder bei Verlagsausflügen, Dichtertreffen, Lesungen oder anderen literarischen Anlässen. Stets war Isolde Ohlbaum zur Stelle. Immer taktvoll, die Kamera als zartes Werkzeug einsetzend, wissend um die heikle sensorische Balance zwischen Nähe und Distanz, wie der Filmemacher Frank Wierke in seinem ebenso einfühlsamen wie klugen Vorwort zu dem im renommierten Schirmer Mosel Verlag erschienenen Buch schreibt.
Dieses Buch geht mir nahe, berührt mich. Vielleicht deshalb, weil es zeitlich ungefähr dann beginnt, als ich selbst anfing, mich für deutsche Literatur zu interessieren. Während ich dieses Interesse Jahr um Jahr vertiefte, erweiterte und verdichtete sich auch Isolde Ohlbaums Peter-Handke-Porträtarchiv. Wobei in dem großformatigen, rund 250 Seiten starken Buch neben Handke auch viele andere Personen abgebildet sind, denen Isolde Ohlbaum begegnet ist. Manchen von ihnen bin auch ich begegnet. Entweder als Leser ihrer Bücher oder persönlich. Doch davon später.
„In diesem Buch kommen wir Isolde Ohlbaum selbst sehr nahe“, schreibt Frank Wierke. Das mag stimmen. Aber noch viel stärker komme ich mir durch dieses Buch selbst nahe, wenn ich mittels der Photos von Isolde Ohlbaum auf die letzten 40, 50 Jahre meines Lebens im „Dienste der Literatur“ blicken kann. Über das Werk von Peter Handke legte ich in den 1980er Jahren meine Zwischenprüfung im Germanistikstudium an der Universität Freiburg ab. Danach verlor ich das Werk des Autors etwas aus den Augen, weil es unzählig viele Bücher von anderen Autorinnen und Autoren zu entdecken (oder zu verlegen) galt. Aber irgendwann gab es wieder einen Anknüpfungspunkt: Etwa 20 Jahre später hat Peter Handke ein Vorwort zu einem in meinem Verlag erschienenen Buch von B. Wongar (Australien) geschrieben.
In diesem tollen Bildband der bewundernswerten Isolde Ohlbaum entdecke ich neben den 150 Handke-Photos auch Aufnahmen von Autoren, die (meist kürzere) Texte in der Edition Isele publiziert haben: so etwa Christoph Meckel, Urs Widmer, Karin Kiwus, Peter Hamm oder Barbara Honigmann. Und ich entdecke Photos von Schriftstellern, deren Bücher ich mit Begeisterung gelesen habe: zum Beispiel von Hermann Lenz, Gerhard Meier oder Lars Gustafsson.
Neben den abgebildeten Personen sind mir aber auch einige Orte wichtig, an denen Isolde Ohlbaums Aufnahmen entstanden sind. Manche sind mir vertraut, zu anderen wollte ich längst einmal hingefahren sein: der Mont Ventoux in Südfrankreich, Venedig, Schloss Salis in Solgio (Schweiz), Sils Maria, Zürich, Avignon, Triest, Schloss Maurach am Bodensee, Schloss Meersburg, Bächlingen, Heidelberg, Schloss Langenstein im Hegau, Salem, Offenburg, Uhldingen-Mühlhofen, Kloster Birnau, Marbach.
Irgendwo hätte ich ihm eigentlich schon mal persönlich begegnen können, dem großen Dichter Peter Handke...
SIE aber war an all diesen Orten: Isolde Ohlbaum, von der man den Eindruck gewinnen kann, sie sei ihr Leben lang unentwegt auf Reisen gewesen.
Sie hat sich in ihren Porträts Peter Handke sehr sensibel angenähert. Es gibt neben den klassischen Handke-Porträts, die man aus Zeitungen und Zeitschriften kennt, in diesem Buch aber auch zahlreiche Photos, die zwar im öffentlichen Raum entstanden sind, aber dennoch sehr privat wirken. Zumindest kommen sie mir privat vor: Peter Handke mit seiner Tochter auf dem Rücken in Venedig. Peter Handke beim Schwimmen oder beim Fußballspielen. Peter Handke versunken in ein Buch oder mit hochgekrempelten Hosenbeinen in der Oule/Provence stehend. Peter Handke schlafend auf einer Steintreppe im Teatro Romano in Tusculum, beim Kirschenpflücken auf dem Weingut Chateau Bas oder einen Schneeball in der Hand formend in Bruneck (Südtirol).
Was der Betrachter dieser Photos mit Bewunderung und eventuell auch ein bisschen Neid aus diesem Photoband herauslesen kann, ist die ungemeine Jugendlichkeit von Peter Handke, der erst mit 70 „alt“ geworden zu sein scheint. Natürlich nicht wirklich alt, sondern nur älter… Jahrzehntelang dominieren auf den Isolde-Ohlbaum-Photos die langen wehenden Haare und der dominante Schnurrbart, irgendwie an einen Pop-Star der Neuzeit oder an einen der vier Musketiere erinnernd. Interessant auch die wechselnden Brillengestelle in all den Jahrzehnten oder Peter Handkes Kleidung (meistens lausbubenhaft lässig, gelegentlich auch mal sehr elegant). Ganz besonders beeindruckt haben mich seine weißen knöchelhohen Schuhe, die er in den 1980er Jahren besaß. Mit diesen ultracoolen Schuhen hätte er einen neuen Modetrend auslösen können, ja fast müssen…
Isolde Ohlbaum hat viel Zeit in dieses Buchprojekt investiert, weil sie die alten analogen Photos teilweise bearbeiten sprich verfeinern musste. Man kann diese monatelange Kärrnerarbeit als einen großen Freundschaftsdienst für einen Menschen ansehen, der ihr viel bedeutet. Bis heute.
Mit ihren großartigen Photos stiftet sie Glück. In erster Linie beim Autor Peter Handke, aber auch bei uns Betrachtern, die wir seinen Lebensweg in diesem Buch photographisch mitverfolgen können.
Es gibt viel Neues in diesem bezaubernden Bildband zu entdecken. Man lernt Handkes Frau Sophie Semin und seine Töchter Amina und Léocadie kennen, erlebt mit, wie aus dem fast gleichaltrigen Hubert Burda, der 1975 noch wie ein Kumpel Handkes wirkte, schon zehn Jahre später ein gestandener Geschäftsmann geworden ist, während Handke immer noch wie ein jugendlicher Dandy wirkt. Wobei anzumerken ist, dass dieser Bildband ohne Burdas großzügige Einladungen an erlesene Orte, wo der Petrarca-Preis verliehen wurde, in dieser Form und Fülle gar nicht hätte entstehen können. Tiefe Verbeugung vor Hubert Burda!
Und noch etwas deckt dieser Band auf: Isolde Ohlbaum ist, was viele nicht wissen, eine leidenschaftliche Leserin. Aus Büchern und Interviews von Peter Handke hat sie 120 Zitate herausgefiltert, die repräsentativ für das Werk des Autors sind. Lesen und Photographieren sind bei ihr fast gleichrangig einzustufende Tätigkeiten.
Isolde Ohlbaums opulenter Handke-Bildband ist ein Buch, das Sehnsucht weckt. Sehnsucht nach der guten alten Literaturzeit. Nach der eigenen Jugend und dem mittleren Lebensalter. Nach Landschaften in Italien, der Provence oder in Österreich.
Und nach Büchern, Büchern, Büchern.
Eines hätte ich gerne noch über Peter Handke gewusst: War er ein guter Fußballspieler? (Ich vermute ja...)
Er, der einem seiner Bücher einen Titel gegeben hat, der bis heute Kult ist: „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“.